Weinwerft geht aus: Oepfelchammer Zürich

Ein Lunch in der traditionsreichsten Wystube Zürichs

Was haben Gottfried Keller, sportliche Ertüchtigung, Wein und Hackbraten gemeinsam? Genau: die Oepfelchammer.

Gedeckter Tisch in der Wystube der Oepfelchammer

Das Haus am Rindermarkt wurde vor rund 650 Jahren als Adelsresidenz erbaut. Seinen Namen verdankt die «Oeli», wie sie heute liebevoll genannt wird, der Überlieferung nach den Nonnen des benachbarten St.-Verena-Klosters, die in den Kammern des Hauses ihre Äpfel dörrten. Vom Adelssitz zur Apfelkammer – auch das ist eine Karriere.

Ein weiterer prominenter Name in der Geschichte des Hauses ist Gottfried Keller, dessen Jugendhaus gleich gegenüber liegt. Einer Sage zufolge trank Keller in der Oepfelchammer so viel Wein, dass er am nächsten Tag verschlief und zu spät zu seiner Amtseinsetzung als Staatsschreiber erschien. Ein Vorbild, das man seinem Arbeitgeber heute nur bedingt empfehlen kann.

Die Wystube gilt als die älteste unverändert erhaltene Zürichs und dient bis heute ihrem ursprünglichen Zweck. Wunderschön urchig, geschichtsträchtig und übersät mit eingeschnitzten Namen von Menschen aus aller Welt, welche die berühmte Balkenprobe bestanden haben und sich nach alter Tradition verewigen durften.

Eingeschnitzte Namen im Holz der Oepfelchammer
Geschnitzte Affenfigur in der Oepfelchammer

In dritter Generation führt nun Andreas Himstedt die Geschicke des Hauses am Rindermarkt. Back to the roots. Die Küche leitet Daniel Allmer, als Restaurantleiter waltet Alexander Munte. Die kulinarische Ausrichtung würde ich als bodenständig und klassisch mit modernen Zügen beschreiben. Die Zutaten sind immer saisonal, frisch und möglichst regional eingekauft.

Alexander Munte und Andreas Himstedt in der Oepfelchammer Zürich
Restaurantleiter Alexander Munte (links) und Gastgeber Andreas Himstedt

So viel zum Hintergrund. P.S. Ein letzter Insider: Am Rindermarkt stehen die letzten gasbetriebenen Strassenlaternen Zürichs.

Auf meinen Lunch in der Oeli habe ich mich schon lange gefreut. Als Fan bodenständiger Gerichte habe ich es heute auf den bekannten Kalbshackbraten abgesehen. Angepriesen wird er mit dem Satz «Schon zu Gottfried Kellers Zeiten gut». Na dann hoffe ich mal, dass das Fleisch nicht aus dieser Zeit stammt. ;)

Platz genommen habe ich in der ehrwürdigen Wystube, in der schon zu Zeiten von Andreas' Grossmutter zu Mittag gegessen wurde. Und auch eine andere Tradition hat überlebt: Nach 18 Uhr wird in der Wystube nur noch Wasser, Apfelsaft und Wein ausgeschenkt. Wer ein Bier bestellt, wird zwar nicht an den Balken gehängt, aber freundlich zum Wein bekehrt.

Am rustikal gedeckten Tisch gegenüber sitzt Rolf. Ich merke schnell: Anonym geht es hier nicht zu. Rolf wird mir mit einem Lächeln als Stammgast und «lebendes Inventar» vorgestellt. Widerspruch? Keiner. «Das kann man so sagen», kommt es trocken zurück. Ich bestelle eine Rüblisuppe zur Vorspeise und den Kalbshackbraten als Hauptgang. Rolf bekommt eine herrlich aussehende Schweinsbratwurst. Wenn mein Teller nur halb so gut aussieht, kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Rüblisuppe in der Oepfelchammer Zürich

Während ich auf meinen Lunch warte, kommen tatsächlich hie und da junge Leute in die Stube und versuchen sich an der berühmten Balkenprobe. Nur so viel: Ambitioniert waren alle, geschafft hat's keiner. Ich selbst habe auf einen Versuch verzichtet – aus Rücksicht auf den Hackbraten. Man muss Prioritäten setzen.

Die Suppe ist gegessen, und der mit Vorfreude erwartete Hackbraten wird serviert. Angerichtet mit Kartoffelpüree und glasiertem Gemüse, schwimmt er in einer herrlich duftenden Jus. Zu meiner Freude in einer schön sämigen und nicht in einer dieser dünnen, schwindsüchtigen Bratensaucen. Dazu bestelle ich ein Glas Château Maltus, einen Lalande-de-Pomerol aus dem Bordelais und Hauswein der Oeli, von Chef Andreas selbst importiert. Er ist ein grosser Fan klassischer Weine, und das schmeckt man. Der Wein passt hervorragend: Aromen von Pflaume und Schokolade reihen sich perfekt in jene von Hackbraten und Jus ein.

Kalbshackbraten mit Kartoffelpüree und Jus in der Oepfelchammer Zürich

Wer jetzt denkt, ein Lunch ohne Begleitung sei ein einsames Vergnügen, kennt die Oeli nicht. Zwischen Suppe, Hackbraten und Wein ist längst eine angeregte Diskussion zwischen Stammgast Rolf, Chef Andreas, Alex und mir über die Lage der heutigen Gastronomie entstanden. Ein Lunch mit vollem Entertainment sozusagen. Die Zeit vergeht wie im Flug, und am Ende ist nicht nur der Körper gesättigt, sondern dank der vielen Gespräche auch der Geist.

Es war ein wunderbarer Lunch, den ich jedem empfehlen kann. Und wer es lieber etwas ruhiger mag, reserviert sich einen Tisch im gesetzteren Teil des Hauses. Ich für meinen Teil freue mich schon jetzt auf meinen nächsten Ausflug an den Rindermarkt. Vielleicht dann mit etwas Klimmzugtraining im Vorfeld.

Weinwerft kocht

Wer den Kalbshackbraten lieber zuhause geniessen möchte – ohne Balkenprobe, dafür mit Sofa in Griffnähe –, kommt auf seine Kosten. Küchenchef Daniel Allmer hat uns sein Rezept verraten, und wir verraten es weiter: im «Weinwerft kocht»-Beitrag, inklusive passender Weinempfehlung, versteht sich. Ob er dann auch so gut schmeckt wie zu Gottfried Kellers Zeiten, liegt ganz bei euch.

Save the Date

Wer jetzt Lust auf mehr bekommen hat, merkt sich den 19. November vor. Dann laden wir zum Wein-Lunch mit Jorge Muga in die Oeli. Über 20 Jahre lang war Jorge Winemaker im berühmten Familienweingut Muga in Haro, heute keltert er mit Bodegas TIHOM seine ganz persönlichen Rioja-Weine. Den Hackbraten empfehle ich schon jetzt, die Balkenprobe nach dem Wein eher nicht.

Reservation: +41 44 251 23 36 · info@oepfelchammer.ch

Oepfelchammer · Rindermarkt 12 · 8001 Zürich